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Heal Your Hospital // Die Arbeitskrise im Gesundheitswesen

Heal Your Hospital // Die Arbeitskrise im Gesundheitswesen

Heal Your Hospital // Die Arbeitskrise im Gesundheitswesen

Menschen und ihre Krankheiten sind keine Ware. Diese Erkenntnis muss in den Strukturen unseres Gesundheitswesens verankert sein. Wir möchten in Krankenhäusern arbeiten, die nicht den Profit, sondern die Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Die moderne Struktur unseres Gesundheitssystems führt viele der moralisch-ethischen Leitbilder ad absurdum: In einem Krankenhaus als Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Patient, Medizin und Recht spielen viele unterschiedliche Einflussfaktoren eine Rolle für den Berufsalltag eines Heilberuflers. Organisatorische Strukturen des Gesundheitssystems überstülpen den Arbeitstag eines Arztes mit Aufgaben, Pflichten und Forderungen, die in einem krassen Gegensatz zu der ursprünglich ersehnten Vorstellung vom Arztberuf stehen. So übersteigt alleine der organisatorische Aufwand, der für jeden einzelnen Patienten mit dem Schreiben von Patientenbriefen, der Anordnung und Durchführung von Untersuchungen, mit Konsilaufträgen oder der Abstimmung mit anderen am Gesundungsprozess beteiligten Institutionen betrieben werden muss, nicht selten die Zeit, die nach der Kostenkalkulation des Krankenhauses für den einzelnen Patienten einberechnet wird. Unter anderem steht diese Schnittstellenproblematik im Arbeitsalltag eines Stationsarztes im Widerspruch zu der Vorstellung einer individuell angewendeten und transparenten Patientenbetreuung.

Können Heilberufler zunächst mit ihren hohen moralischen Prinzipien und mit einer hohen Opferbereitschaft die Zwänge des Systems und ihre hohe Arbeitsbelastung kompensieren, sehen sie sich mit zunehmender Berufserfahrung mit der Diskrepanz zwischen ihrer persönlichen Berufsauffassung und dem realen Arbeitsalltag konfrontiert. Wir als Studenten und zukünftige Akteure in unserem modernen Gesundheitssystem erkennen in folgenden Zahlen einen alarmierenden Hintergrund in der Betrachtung der aktuellen Situation.

Burn-outs sind vorprogrammiert

Berufseinsteiger in den Arztberuf erleben ihren Start als Sprung ins kalte Wasser: Drei Viertel der Klinikärzte in Deutschland arbeiten nach einer Onlinebefragung im Auftrag des Marburger Bundes aus dem Jahr 2013 im Durchschnitt mehr als 48 Stunden pro Woche.1 Knapp die Hälfte (47 Prozent) der Teilnehmer erklärte, dass ihre tatsächliche Wochenarbeitszeit inklusive Überstunden und Bereitschaftsdienste im Durchschnitt zwischen 49 und 59 Stunden liegt. Ein Viertel (24 Prozent) ist pro Woche 60 bis 79 Stunden im Dienst, und 3 Prozent der Ärzte arbeiten sogar durchschnittlich mehr als 80 Stunden pro Woche. Die Hälfte der Ärzte leistet mehr als vier Bereitschaftsdienste pro Monat, davon übernehmen 45 Prozent der Ärzte 5 bis 9 Bereitschaftsdienste im Monat und 5 Prozent sogar 10 und mehr solcher Dienste in der Nacht, an Wochenenden und an Feiertagen.

Betrachten wir als noch weitgehend unbeteiligte Studenten den auf uns zukommenden Berufsalltag, erschrecken wir: Egal wie wir es drehen und wenden, von nahezu jedem Blickwinkel aus betrachtet steuert heutzutage ein Heilberufler auf eine andauernde Überlastung zu – ohne realistische Möglichkeiten, Resilienzstrategien zu realisieren, wie etwa angemessene Pausen- und Urlaubszeiten, einen ausreichenden Freizeitausgleich oder die Möglichkeit, berufsfremden Beschäftigungen nachzugehen zu. Laufen auch wir als zukünftige Ärzte, Pfleger und andere junge Akteure im Gesundheitssystem bei unserem beruflichen Werdegang mit offenen Augen ins Unglück?

In der Arbeitsrealität eines Heilberuflers greifen tatsächlich enorm viele Ursachen für berufsbezogenen Stress kausal ineinander. Bereits 1974 ging Herbert Freudenberger in seinen ersten Beschreibungen des Phänomens „Burn-out“ auf die spezielle Situation in den Heilberufen ein. Heute, knapp 40 Jahre später, bestätigen mehr und mehr Studien die brisante Lage in unserem Gesundheitssystem:
Ein niedergelassener Arzt arbeitet durchschnittlich 10,6 Stunden täglich und behandelt in dieser Zeit 50 Patienten, hat also im Durchschnitt 12,7 Minuten pro Patient. 5 bis 10 Prozent der 6 000 befragten Vertragsärzte sind laut einer Studie aus dem Jahr 2010 vom Vollbild eines Erschöpfungssyndroms betroffen, 80 Prozent weisen Teilaspekte eines Burn-outs auf. 2 Durch die hohe Arbeitsbelastung – eine solche geben 70 Prozent der Ärzte an – würde das Privatleben leiden, nur jeder vierte Arzt hat noch genügend Zeit zur Wahrnehmung seiner persönlichen Interessen.

Die Patientenversorgung leidet

2008 gaben über 40 Prozent von 1 311 befragten chirurgisch tätigen Kollegen aus knapp 500 Krankenhäusern an, die Überarbeitung der Ärzte beeinträchtige die Qualität der Patientenversorgung. 3 Zwei Drittel sagten, der Zeitdruck, unter dem sie stehen, verschlechtere die Versorgung der Kranken. 22 Prozent sahen sich mit hohen Anforderungen bei gleichzeitig geringen Handlungs- und Entscheidungsspielräumen konfrontiert. Ein Fünftel der befragten Ärzte dachte mehrmals im Monat darüber nach, den Beruf aufzugeben. Jeder Dritte spielte mit dem Gedanken, wegen der hiesigen Arbeitsbedingungen ins Ausland zu gehen, da die Belastung – gerade für Assistenzärzte – in Deutschland überdurchschnittlich hoch sei. Die Autoren der Studie folgern aus ihren Ergebnissen, dass eine bessere medizinische Versorgung an eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Krankenhaus gebunden ist.

Warum sind Ärzte so sehr gefährdet? Die Antwort scheint einfach: Die Arbeitszeiten an deutschen Kliniken – wie sie bereits beschrieben wurden – sind ungesund. Fast drei Viertel der Klinikärzte (71 Prozent) hat das Gefühl, dass die Gestaltung der Arbeitszeiten im Krankenhaus die eigene Gesundheit beeinträchtigt, zum Beispiel in Form von Schlafstörungen und häufiger Müdigkeit. 4 Aber ist diese Problematik professionsspezifisch zu werten? Betreffen Burn-out und Stress nur eine bestimmte Gruppe der vielen Disziplinen, die unsere Krankenhauslandschaft prägen? Ein professionsübergreifender Blick in das System zeigt, dass auch der Pflegeberuf betroffen ist.

Auch die Pflege ist bedroht

Pflegende sind für die Patienten unserer Meinung nach der unmittelbarste Ansprechpartner im Krankenhausalltag. Wer als Patient mit der pflegerischen Leistung zufrieden war, war es auch mit seinem Krankenhausaufenthalt.5 Pflegende liefern damit einen enorm wichtigen, eigenständigen Beitrag zur Qualität der Patientenversorgung. Gerade dieser Aspekt ist für viele Pflegende auch die treibende Kraft in ihrem professionellen Selbstverständnis. Wie im Rahmen einer Studie 6 ermittelt wurde, beantworteten 95,2 Prozent der Befragten die Frage nach der persönlichen Erfüllung durch den Beruf positiv. Obwohl sie eine Erfüllung im Beruf zu erleben scheinen, konnten bei 17,7 Prozent der Befragten jedoch Anzeichen eines beginnenden oder fortgeschrittenen Burn-out-Prozesses nachgewiesen werden. Bei 3,9 Prozent zeigten sich Anzeichen eines deutlich fortgeschrittenen Burn-out-Prozesses – nach den Autoren als Alarmzeichen zu werten. Interessanterweise konnte in diesem Rahmen ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten einer Erschöpfungssymptomatik und der Berufserfahrung gezeigt werden: Krankenpflegepersonen mit einer Berufszeit von weniger als 8 Jahren zeigten eine signifikant geringere persönliche Erfüllung in ihrem Beruf als die mit einer Berufserfahrung von mehr als 8 Jahren. Erklärbar wäre dies damit, dass – ähnlich wie im vorherigen Abschnitt diskutiert – junge Pflegende während der ersten Zeit ihrer Berufsausübung durch eine Art „Praxisschock“ beeinflusst sind und noch keine ausreichenden Resilienzstrategien entwickelt haben.

Die Ursachen für den Stress am Arbeitsplatz sind hier die organisatorische Belastung durch Arbeitsunterbrechungen, zu wenig Personal und überbordende Dokumentation. Anhaltende Zuständigkeit für Tätigkeiten, die nicht mit der eigentlichen Arbeit – der Pflege des Patienten – zu tun haben, führen dazu, dass es in den seltensten Fällen möglich ist, die pflegerischen Maßnahmen kontinuierlich und dem Patienten angepasst durchzuführen. Es werden zu jeder Zeit Ansprüche an das Krankenpflegepersonal herangetragen, die als wichtiger betrachtet werden als die eigentliche Kerntätigkeit.
Parallel zur ärztlichen Situation zeigte sich auch im Pflegeberuf der vorherrschende Zeitdruck als wichtigster Belastungsfaktor. 7 Die höchste Belastung jedoch ging von der erlebten Diskrepanz zwischen dem Pflegeanspruch und der tatsächlich ausgeführten und oft als unzureichend empfundenen Versorgung der Patienten aus. Sie besteht in dem geschilderten Widerspruch zwischen den ursprünglich angenommenen Werten, unter denen man seinen Beruf auszuführen wünscht, und der tatsächlichen Arbeitsrealität.

Aus diesen Gründen hat der Pflegeberuf mit durchschnittlich 24,9 Fehltagen pro Jahr die höchste Fehlzeiten-Quote in Deutschland. 8 Dass die Arbeitsleistung der Pflegenden sinkt, wird in der Literatur damit begründet, dass im modernen Klinikalltag das Pflegepersonal oft über die Belastungsgrenzen hinaus arbeiten muss. 9 Eine logische Konsequenz daraus ist, dass mit dem Sinken der Kapazität der Pflege auch die Patientenversorgung leidet. 10

Entscheidungs- und Steuerungskompetenzen müssen neu verteilt werden

Wir erkennen also, dass in unserem Gesundheitssystem die Gefahr eines Ungleichgewichtes zwischen der individuellen Erwartung des Heilberuflers und den Anforderungen der modernen Medizin besteht. Seine moralische, ethische und zwischenmenschliche Vorstellung trifft auf einen harten, psychosozial einengenden Arbeitsalltag. Diese Diskrepanz führt bei einem überproportional hohen Anteil der Betroffenen zu Stress und Burn-out – eine Perspektive, die einen großen Anteil der Heilberufler nach einiger Berufserfahrung an der Entscheidung für den ursprünglich ersehnten Beruf zweifeln lässt.
Für eine interdisziplinäre Gesundheitsversorgung sehen wir folgernd aus diesen Betrachtungen die Notwendigkeit, die Verteilung der Entscheidungs- und Steuerungskompetenzen im Gesundheitswesen zu überdenken und insbesondere die Pflege in ihrer organisatorischen Verantwortung zu stärken. Denn wie in Zukunft eine qualitativ hochwertige und ökonomisch erfolgreiche Krankenbehandlung gestaltet werden kann, wird unserer Erfahrung nach im Team entschieden. In diesem Sinne treten wir für eine Dialogkultur zwischen den Heilberuflern ein, um unsere Arbeitsbedingungen zu thematisieren und zusammen zu verbessern.


1 Institut für Qualitätsmessung und Evaluation (2013). MB-Monitor 2013 „Arbeitszeiten“.
2 Gebuhr, K. (2010). Die vertragsärztliche Tätigkeit im Lichte des Burn-out-Syndroms. Brendan-Schmittmann-Stiftung des NAV-Virchowbundes.
3 Knesebeck, O. u.a. (2010). Psychosoziale Arbeitsbelastungen bei chirurgisch tätigen Krankenhausärzten. Deutsches Ärzteblatt. 107(14): 248–253.
4 Institut für Qualitätsmessung und Evaluation (2013). MB-Monitor 2013 „Arbeitszeiten“.
5 Golz, M. (2008). Modellstudie zum Thema „Mitarbeiter- und Patientenzufriedenheit in der stationären Versorgung“. Hamburg: Diplomica.
6 Dieckmann, S. u.a. (2010). Balance halten im Pflegealltag. Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe e.V. (DBfK).
7 Schlüter, G. (1992). Berufliche Belastungen der Krankenpflege. Eine empirische Untersuchung. Melsungen: Bibliomed.
8 Badura, B. u.a. (2010). Fehlzeiten-Report 2010: Vielfalt managen: Gesundheit fördern – Potenziale nutzen. Heidelberg: Springer.
9 Dieckmann, S. u.a. (2010). Balance halten im Pflegealltag. Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe e.V. (DBfK).
10 Aiken, L.H. u.a. (2001). Nurses’ reports on hospital care in five countries. Health Affairs. 20 (3): 43–53.

Dieser Beitrag basiert auf dem im Sommer erscheinenden Buch „Heal Your Hospital. Studierende für neue Wege der Gesundheitsversorgung“ (ISBN: 978-3863212407). Wie sähe ein Gesundheitssystem aus, in dem der Patient im Mittelpunkt steht? Wie können Krankenhäuser und ihre Beschäftigten die Selbstheilungskräfte effektiver stärken? Welches Vergütungssystem erfasst die Qualität medizinischer (Be-)Handlung am besten? Diese und andere Fragen diskutierten Studierende der Universität Witten/Herdecke zwei Semester lang im Rahmen eines interdisziplinären ‚Studium fundamentale‘. Ein AutorInnenteam hat die Ergebnisse wissenschaftlich untermauert und bezieht sie auch auf die eigene Praxis in Gesundheits- und Krankenpflege, Rettungsdienst und anderen Gesundheitsbereichen im In- und Ausland. Das Buch macht deutlich, wie kritisch und kreativ manche Gesundheits-‚Profis‘ von morgen über ihr Berufsfeld denken. Auch wenn nicht alle Visionen Wirklichkeit werden – ‚Heal Your Hospital‘ wirft Schlaglichter auf die Zukunft des Gesundheitswesens.

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